Außergewöhnliches aus Köln

Die Kölner Parasitenpresse ist einer der interessantesten Verlage Deutschlands, nicht zuletzt aufgrund der Anthologien mit Texten aus Dänemark, Griechenland oder Lettland. In der Zeitschrift Etcetera Nr. 93 erschienen zwei Besprechungen aktueller Bände.

Poetische Vielfalt

Adrian Kasnitz ist zunächst einmal Brückenbauer. Mit der Parasitenpresse stellt er übersetzte Lyrik aus zahlreichen Kulturen vor, darunter auch aus sogenannten kleinen Sprachen wie Albanisch, Birmanisch, Dänisch, Griechisch oder Lettisch. Mit dem Wissen um eine Vielfalt an Traditionen und Stilen entscheidet sich Kasnitz bei den eigenen Gedichten in vielen Fällen für eine an lyrische Prosa angenäherte Form.

Nicht wenige Texte gehen im Sinne Charles Olsons vom Autor, respektive seinem lyrischen Ich aus: “Weil ich keinen Kaffee hatte, geh ich nicht ans Telefon / wenn du anrufst und von Berlin erzählst, der Hype ist doch / längst vorbei (…)”, beginnt ein Text rund um den Morgen eines Verlegers.

Dabei findet der Autor freilich in surrealistischer Tradition poetische Wörter und kombiniert sie mit Slapstick- Einlagen: “Habe mir Reis aufgehäuft und Fleischbällchen dir / versuche meiner Tochter zu erklären, was ein Oxymoron sei / ein Wort in der Nachbarschaft und Okapi / er wohnt im fernsten Ozean, den noch niemand entdeckt / habe mit Fleischbällchen dich hast mit Reis mich beworfen (…)”

In Texten, in denen Rhythmus und Melodie stärkere Bedeutung haben, finden sich lakonische Formulierungen, die – vermutlich seit Leonidas – das beste Mittel gegen Pathos darstellen: “In die südliche Stadt kommen die Leute / aus dem Winter, fassen sich an die Brust (…) dann kommen sie langsam auf dumme Gedanken / und schauen den Einheimischen hinterher”.

Der Band hat freilich noch viel mehr zu bieten, was hier nur aufgezählt werden kann: das – selbstverständlich gebrochene – Naturgedicht, die Reflexion der Lyrik auf sich selbst, parodistische Anklänge an Liebesgedichte inklusive und das vorauseilende Epitaph für Insassen der Intensivstation Instagram. Wobei viele Texte andere Sichtweisen erlauben als meine. Denn: “Jeder hat eigene / Interessen in einem Traum”.

Adrian Kasnitz: Im Sommer hatte ich eine Umarmung, Parasitenpresse, Köln 2023, 90 S., ISBN: 978-3-988050-09-0

Gerald Jatzek

Von unten

Vorausgeschickt sei im Sinn der Transparenz, dass ich mich Köln und besonders seinen weniger begüterten Bewohnern seit den frühen 1970ern verbunden fühle. Da war ich in der Stadt einige Zeit als Straßenmusiklehrling, angeleitet von ansäßigen Helden des Genres wie Fliege und Klaus dem Geiger.

Rolf Heinrich, Köln – Creative Commons 3.0

Was wir damals oft nebenbei an Geschichten zu hören bekamen, ist der Stoff, aus dem Alexander Estis seine Miniaturen über das Veedel (Grätzl) Kalk formt. Er hat dort urbane Legenden gesammelt, eine Gattung, die wie Märchen gemeinsamen Ängsten, Wünschen und Träumen entspringt; C.G. Jung würde sagen: dem kollektiven Unterbewussten. Im ersten Text bringt dieses eine Frau ohne Augen und Nase hervor, die trotzdem alles beobachtet, eine Erfahrung, die jeder nachvollziehen kann, der Wiener Wohnungen mit Rückspiegeln an den Fenstern kennt. Solche Geschichten aus dem Weichbild der Wirklichkeit können auch witzig sein, wenn es etwa um türkische TV-Sendungen geht, deren Ton durch Rohrleitungen in alle Wohnungen eines Hauses übertragen wird.

Immer wieder dringt freilich der naturalistische Hintergrund durch. Vergewaltigung, Prostitution, Drogen, Altersarmut. Dem muss man sich stellen: “Wenn der Mann noch einmal meine Töchter anguckt, dann schneide ich ihm mit dem Fischmesser den Penis ab.” (S. 54).

In der Ära überschwappender Soaps wirken die Protagonisten dieser Texte seltsam gelassen, wenn sie täglichen Ärgernissen und existiellen Problemen ohne Pathos und oft selbstironisch begegnen. Vermutlich verfügen Drama Kings und Queens über Energie, die viele Menschen in Quartieren wie Kalk brauchen, um nicht in die Gräben zwischen Einkommen und Miete oder zwischen Leistung und Gesundheit zu fallen.

Der Autor erzählt Alltagsgeschichte und Skurrilitäten, Tragisches und Weggetretenes, Romantisches und Kriminelles, weshalb es schade ist, dass es nach kanpp 90 Seiten schon zu Ende ist.

Alexander Estis: Legenden aus Kalk. Nach Erzählungen der Menschen
eines Kölner Veedels, Parasitenpresse, Köln 2023, 94 Seiten, ISBN: 978-3-947676-81-1

Gerald Jatzek

Published by Gerald Jatzek

Gerald is a poet, musician, and mail artist who writes in German and English . He has published books for children and adults. He has played in quite some countries, including Australia, Germany, Italy, Greece, and Hong Kong. 2001 he received the Austrian State Prize for Children’s Poetry.

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