Malen und Zeichnen ohne Angst

Pages from "The ugly Sketchbook" by Tawnie Jeanne Terry

Geistige Lockerungsübungen mit Pinsel, Buntstift & Co.

Die wichtigste Aussage des Buches steht im im vierten Satz: “Angst ist die schlimmste Gegnerin des Künstlers.” Dementsprechend dienen die ersten zehn Übungen der Lockerung, dem Kritzeln und Skizzieren abseits des Kunstwollens. Wichtig: Man muss sich dabei bewusst vom Leistungsdenken lösen und darf sich nicht von den “geringen Anforderungen” abschrecken lassen. Geht es doch eben darum, zu den Anfängen, zum kindlichen oder spontanen Kritzeln zurückzukehren, die Selbstzensur auszuschalten und die Türen zum Unbewussten zu öffnen.

Man könnte nun sagen, das sei nicht neu. Ist es auch nicht. Wir kennen die automatischen Zeichnungen von André Masson, Juan Miró und anderen:

Der Band hilft, diese Ansprüche in die Praxis umzusetzen. Ob man mit beiden Händen gleichzeitig zeichnet, einen Schatten als Ausgangsform nimmt oder mit zufällig zusammengestellten Farben arbeitet, stets findet man sich in einer nicht geplanten Situation. Darauf zu reagieren ist – Kreativität.

Ugly Sketchbook
Die Übungen sollen eingeübte Wahrnehmungsmuster aufbrechen. [Vergrößerung] (©Tawnie Jeanne Terry)

Weiter geht es mit Zeichenprojekten, die einen Gemüsegarten an Techniken und
Medien umfassen. Ziel ist hier, die Komfortzone zu verlassen, auch Verfahren auszuprobieren, die einen auf den ersten Blick nicht ansprechen. Die Beschäftigung mit dem Unbekannten ist eine weitere Möglichkeit, die eigene Produktion aus einem neuen Blickwinkel zu sehen.

“Wenn wir nicht wenigstens einen Ort haben, an dem wir wirklich alles ausprobieren können, dann werden wir nie aus den engen Käfigen ausbrechen, in die wir uns selbst gesperrt haben”, gibt einem die Autorin mit auf den Weg. Wobei das Einsperren nicht selten andere erledigen, die einem auf über den Bildungsweg laufen.

Kritzeln kann Knoten in den Gedanken lösen. (©Tawnie Jeanne Terry)

Besonders herausfordernd sind dabei Anleitungen, bei denen das Bild – zumindest teilweise – zerstört wird, damit etwas Neues entstehen kann. Das Zerschnipseln in gleiche Teile, die neu zusammengesetzt werden, entspricht ja der Technik von Collagen. Das teilweise Verbrennen wird manchen schwerfallen, auch wenn es dazu beiträgt, “weniger an unserem Werk zu hängen”. Vielleicht hilft es ja, an Christo und Jeanne-Claude zu denken, deren Kunstwerke nur kurze Zeit existierten, ehe der ursprüngliche Zustand des Ortes wiederhergestellt wurde.

Der Schlussteil präsentiert schließlich Werke von Tawnie Jeanne Terry samt ihrer Entstehungsgeschichte und dem Verhältnis der Künstlerin zu ihnen, das sich manchmal über einen Zeitraum ins Gegenteil wandelte:

“Das ‘Verpatzen’ wurde dann der interessanteste und dynamischste Teil des Bildes.”

Vielleicht ist das der wichtigste Satz des Buches. Dass sich mit der Zeit die Maßstäbe ändern und Unerwartetes interessant wird, während sterile Perfektion nicht selten zu Langeweile führt.

Tawnie Jeanne Terry: Ugly Sketchbook, Laurence King Verlag 2026, 160 Seiten. Aus dem Englischen von Katrin Höller. ISBN-13978-3-96244-548-5

Links

Published by Gerald Jatzek

Gerald is a poet, musician, and mail artist who writes in German and English . He has published books for children and adults. He has played in quite some countries, including Australia, Germany, Italy, Greece, and Hong Kong. 2001 he received the Austrian State Prize for Children’s Poetry.

Leave a comment