Ausgewählte Arbeiten auf der Biennale 2026
In minor keys, also in Moll, präsentiert sich die 61. Internationale Kunstausstellung, doch wie wir von Beethovens “Schicksalsmotiv” wissen, kann die ganz schön laut und bedrohlich sein. Das gilt für die Kunstwerke ebenso wie für die Proteste auf den Straßen Venedigs und natürlich für das Gelände der Biennale.
Fremdwortbetriebene Überblicke von Kunstsachverständigen und Anlageexperten gibt es ohnehin genug, wir beschränken uns daher auf ein paar Empfehlungen, die im Spektakel vernachlässigt werden.
Zunächst etwas für MailYourArt Naheliegendes: Im Pavillon von Spanien wird Harmonie mit Postkarten erzeugt. Tausende Karten ergeben ein Gemälde, das sich beim Gehen durch die sechs hellen Räume verändert.
Viel Zeit ist in diesem Bild zu spüren: In zwanzig Jahren hat Oriol Vilanova rund 200.000 Postkarten gesammelt. Auch die Reisen der Karten und das Aufspüren auf Flohmärkten und in Antiquariaten gehören zum Werk “Los Restos” (s. top photo).
Das “Übriggebliebene” ist vertikal nach Motiven und Farben angeordnet. Rote und gelbe Sonnenuntergänge wechseln mit Meereswellen in schwarz-weiß, mehrere Reihen von Päpsten kontrastieren mit Waldmotiven, Dutzende Elefanten mit Brunnenputti, Ritter mit Nippesfiguren, historische Stadtaufnahmen mit Mickymäusen. Private Korrespondenz ist hier weitergewandert zu einer anonymen, kollektiven Installation, die, so will es der Künstler, ein “Anti-Museum” sein soll, das keine nationalen Grenzen kennt.

Gesammelt hat auch der gebürtige Salvadorianer Guadalupe Maravilla, der in der Hauptausstellung durch vier Skulpturen mit dem Titel “disease throwers” vertreten ist. Der Neologismus dient ihm zur Verarbeitung seiner Krebserkrankung wie der Zeit als undokumentierter Migrant.
Maravilla, der heute in New York lebt, bettet auf Reisen gefundene Objekte in geflochtene Stühle und kombiniert sie mit handgefertigten Elementen. Manche enthalten Gongs und Klangschalen, die zur Heilung von sozialen und körperlichen Krankheiten beitragen sollen, zumeist beeinflusst von indigenen Ritualen und Traditionen.

Zu einer der bedeutendsten Arbeiten der diesjährigen Biennale gehört die Installation The end of the world des chilenischen Künstlers, Architekt und Filmemachers Alfredo Jaar.
Am Ende eines weitläufigen in rotes Licht getauchten Raumes, steht in einer Plexiglasvitrine ein 4x4x4 cm kleiner Würfel aus seltenen Rohstoffen, wie Kupfer, Lithium oder Platin.
Vorausgegangen sind der Arbeit mehrjährige Recherchen, bei denen Jaar gemeinsam mit dem politisch engagierten Geologen Adam Bobbette den härter werdenden Kampf um die knapper werdenden Ressourcen des Planeten untersucht hat.
Wie in einem gefährlichen sakralen Raum sind hier die Kultobjekte westlicher Ökonomien zu sehen. Die Textblöcke an einer der roten Wände beleuchten die geopolitische Bedeutung und die Gewalt, die rund um die Metalle der Seltenen Erden entsteht.
Alfredo Jaar: The End of the World, Englisch von Kathrin Becker, KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, 256 Seiten, ISBN-13, 978-3954767243.
Da hilft leider kein Gong.
Literatur
Links
- Biennale 2026: Artists
- Biennale 2026: National Participations
Fotos
Die Fotos zu dem Artikel stammen von Gabriele Müller.