Drei wichtige Berge gibt es auf der Welt. Den Kailash, den niemand besteigen darf, weil er mehreren Religionen als heilig gilt. Den Mount Everest, auf den Reinhold Messner ohne Sauerstoffmaske kletterte. Und den Geschriebenstein. Den hat Christoph Mandl vermutlich mit und ohne Sauerstoffmaske erklommen. Weiters auf einem Bein hüpfend, tanzend, rückwärtsgehend. u.s.w.
Zumindest bekommt man diesen Eindruck, wenn man die Fülle der Beobachtungen liest, die sein Buch über den Koloss des Günser Gebirges enthält. 884 Meter ragt er übrigens über das Burgenland. Der Geschriebenstein, nicht der Mandl.

Burgenländisches Skispringen
Rund um den Berg blühen nicht nur Blumen und Bäume – und überraschenderweise auch Moorpflanzen – sondern auch seltsame Geschichten, hinter denen manchmal auch Wünsche stehen. So ist es nicht verwunderlich, dass Hexen angeblich junge Burschen zu Ausritten mitnahmen. Bei den Ottersagen liefert uns der Autor die Interpretation gleich mit.
Die Realität ist bisweilen nicht weniger fantastisch. Wer würde in Kőszeg, das 2 km von der Staatsgrenze entfernt liegt, eine Skisprungschanze vermuten. Für die internationale Karriere dürfte das Training dort aber nicht ausreichen. Bei den Olympischen Spielen sah man ungarische Springer zuletzt 1968.
Verdrängung und Friedensinitiative
Der Band beschäftigt sich natürlich nicht nur mit dem Gipfel, der Gegend und den Geschichten, sondern ausführlich mit den Bewohnern des Landes. Auch mit denen, die es nicht mehr oder nur in geringer Zahl gibt: Juden und Roma, die von den Nazi-Barbaren ermordet wurden.
Nach dem 2. Weltkrieg, erfahren wir, konnte der Teppich gar nicht groß genug sein, unter den man die Verbrechen kehrte. Etwa das Wirken des Tobias Portschy aus Unterschützen, bekannt als Verfasser einer Schrift, in der er Schulverbot, Zwangssterilisation und Arbeitslager für Roma und Sinti forderte. Dazu war er nach dem deutschen Einmarsch fünf Monate lang burgenländischer Landeshauptmann, anschließend stellvertretender Gauleiter der Steiermark und dekorierter SS-Oberführer. Nach dem Krieg wurde er nach zwei Jahren Gefängnis begnadigt, die Vorstrafe wurde tatsächlich getilgt. Mehr dazu findet man im Haus der Geschichte.

Zum Glück gab es auch Prominente, deren Wirken sich bis heute nachhaltig positiv auf das Land auswirkt, etwa den 2019 verstorbenen Gerald Mader, der als Kulturlandesrat wegen zu großer Eigenständigkeit geschasst wurde. Das stellte sich im Nachhinein als Glücksfall heraus:
“Dass Gerald Mader mit viel Herzblut, persönlichem Einsatz und später auch mit Unterstützung aus Politik sowie Bevölkerung aus der Raubritterburg Schlaining das Friedensforschungsinstitut entwickeln konnte, ist eines der burgenländischen Wunder“, schreibt Mandl. Die intenational als Austrian Center for Peace Institution wurde sowohl von den Vereinten Nationen als auch von der UNESCO ausgezeichnet.
Der Platz ist gut gewählt, wird in der Umgebung doch so unterschiedliche Sprachen wie Deutsch, Kroatisch, Ungarisch und Romanes gesprochen, wozu noch Hianzisch (Heanzisch) kommt, ein südmittelbairischer Dialekt, der sich durch den Erhalt mittelhochdeutscher Vokale und Begriffe auszeichnet. Dazu kommen katholische und evangelische Pfarren, die sich mit der muttersprachlichen Zugehörigkeit oft aber keineswegs immer decken.
Über den Inhalt hinaus ist schließlich noch die Form des Bandes zu erwähnen. Da haben wir einerseits die Fülle von Fotos, deren Qualität durchaus zum Besuch der Landschaft motivieren kann. Dazu kommt der Stil, der sich wohltuend von vielen gutgemeinten Heimatbüchern unterscheidet. Immer wieder hat man das Gefühl, dass der Autor neben einem sitzt und seine Geschichten erzählt, nachdenklich oder ironisch, locker oder getragen, aber eben immer auf sein Publikum konzentriert. Und wenn er dann über ein “patschertes südburgenländisches Leben” schreibt, kommt auch der Schriftsteller Mandl zum Vorschein, der sich meistens hinter dem Journalisten versteckt.
Das Buch

Christoph Mandl: Geschriebenstein – Der Gipfel des Burgenlandes, 132 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Edition Winkler-Hermaden, ISBN: 978-3-9519762-8-0, 26,90 €
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Die Fotos
Die Fotos im Kopf der Seite zeigen die Aussichtswarte und das mächtige Gipfelkreuz (© Christoph Mandl). Sie lassen sich auch vergrößern.